Die in IPv6 gebotene Möglichkeit der Stateless Autoconfiguration erlaubt die Generierung einer eigenen IPv6 Adresse alleine aus dem jeweiligen Netzwerkpräfix und der IEEE 802 MAC-Adresse des Netzwerkendgeräts. Die MAC-Adresse besteht aus dem herstellerspezifischen Organizationally Unique Identifier (OUI) und einem gerätespezifischen Teil (Interface Identifier), der das Netzwerkendgerät identifiziert. Die Berechnung der IPv6-Adresse erfolgt nach einem vorgegebenem Schema (modified Extended Unique Identifier, modified EUI-64, siehe Abb. 7.37) und erlaubt daher umgekehrt die Identifikation eines Netzwerkendgeräts über dessen zugewiesene IPv6 Adresse. Da die meisten Netzwerkendgeräte nur von einer Person alleine genutzt werden (Personal Computer, Smartphone, etc.), erlaubt die Kenntnis der IPv6 Adresse, eine Datenspur, die ein Endgerät bei jeder Benutzung eines Dienstes im Internet hinterlässt, eindeutige Rückschlüsse auf die Identität des Endgeräts und damit auf dessen Benutzer. Damit ist es für Außenstehende möglich, schon auf der IP-Ebene des Netzwerks Rückschlüsse über das Benutzerverhalten zu ziehen und Bewegungsprofile zu erstellen.
Unter IPv4 waren derartige Möglichkeiten zum Rückschluss auf die Identität eines Benutzers nicht möglich, da die IP-Adressvergabe innerhalb eines Netzwerks meist durch das Dynamic Host Configuration Protocol (DHCP) geregelt wurde, das die IP-Adressen einfach nach Verfügbarkeit nur temporär zuweist. Zudem erschwert dies zusätzlich die Network Address Translation (NAT) Technologie, die den Aufbau und die Verwaltung ganzer Netzwerke unter einer einzigen IPv4 Adresse ermöglicht.
Zum Schutz der Privatsphäre wurden daher mit RFC 4941 die sogenannten ”IPv6 Privacy Extensions“ eingeführt. Diese erzeugen für die letzten 64 Bits der IPv6 Adresse zufällige Interface Identifier, die mit Hilfe einer MD5 Hashfunktion (Message Digest Algorithm 5) jeweils aus dem ursprünglichen Interface Identifier bzw. dem zuletzt berechneten MD5-Wert erzeugt werden und nur für eine begrenzte Zeit ihre Gültigkeit behalten. Damit wird einerseits eine Identifikation des Benutzers verhindert, aber andererseits auch das Führen einer permanenten IPv6 Adresse. Neben den IPv6 Privacy Extensions gibt es weitere Möglichkeiten zur Verschleierung der Benutzeridentität. So kann anstelle des in IPv6 zur Autokonfiguration eingesetzten Neighbor Discovery Protokolls (NDP) das Secure Neighbor Discovery Protocol (SEND) eingesetzt werden, das mit Hilfe kryptografischer Methoden einen neuen Interface Identifier (Cryptographically Generated Addresses, CGA) aus dem vorgegebenen Netzwerkpräfix, einem öffentlichen Schlüssel und einem Nonce-Wert berechnet. Sowohl IPv6 Privacy Extensions als auch CGA verwenden zur Berechnung des Interface Identifiers einen situationsabhängigen Nonce-Wert, so dass bei jeder neuen Netzwerkverbindung auch ein neuer Interface Identifier generiert wird.




