Anwendungsschicht und Internetanwendungen – Grundbegriffe

Nachdem bisher alle notwendige Grundlagen der Kommunikation im Internet behandelt wurden, richten wir jetzt unsere Aufmerksamkeit auf die Anwendungsschicht des TCP/IP-Referenzmodells. In den Schichten unterhalb der Anwendungsschicht werden alle Aufgaben des Datentransfers gelöst und ein zuverlässiger Transportdienst zur Verfügung gestellt. Der Anwender allerdings nimmt das überhaupt nicht wahr, da ihm die Schnittstellen, mit denen er in Berührung kommt, bereits voll funktionstüchtige Anwendungen bieten, wie z.B. Datei-Transfer, E-Mail versenden und empfangen oder HTML-Seiten abrufen. Die Kommunikationsprotokol-le und Verbindungen eines Netzwerks sind zwar für die Kommunikation im Internet lebensnotwendig, doch die direkt nutzbare Funktionalität wird erst durch mitunter sehr anspruchsvolle Anwendungssoftware bereitgestellt, die auf diesen Diensten aufsetzt und sie für ihre Zwecke nutzt.

Vergleicht man das Internet mit einem Telefonnetz, so liefern die Kommunikationsprotokolle zwar die zur Kommunikation notwendige Infrastruktur, es braucht aber noch die Teilnehmer, die über das Telefonnetz kommunizieren, und die vielfältigen Dienstangebote, wie Fax u.a., um das Telefonnetz zu einem nützlichen und begehrten Telefondienstleistungsanbieter zu machen. Ebenso wie beim Telefondienst die Teilnehmer, setzt die Kommunikation im Internet Anwendungsprogramme voraus, die über das Internet kommunizieren wollen. Zu diesem Zweck kontaktiert eine Anwendung auf dem einem Computer eine Anwendung auf einem entfernten Rechner, um mit dieser die für ihre Zwecke notwendigen Daten auszutauschen. Auch die nicht zum TCP/IP-Referenzmodell zählenden Anwendungen und Anwendungen, die direkt vom Nutzer bedient werden, greifen auf die Transport-Dienste des TCP/IP-Referenzmodells mit eigenen Protokollen zu, die geeignete, abstrakte Schnittstellen benötigen, die ebenfalls in der Anwendungsschicht des TCP/IP-Protokollstapels bereitgestellt werden. Die Anwendungsschicht ermöglicht damit eine Anwendung-zu-Anwendung-Kommunikation, während die darunterliegende Transportschicht lediglich eine Host-zu-Host-Verbindung bietet. Aus der Sicht der Betriebssysteme der jeweiligen Endsysteme betrachtet, spricht man anstelle von Anwendungen auch von Prozessen, die miteinander kommunizieren und Informationen austauschen. Die Anwendungsschicht installiert damit eine netzwerkübergreifende Prozess-zu-Prozess-Kommunikation. Ein sendender Prozess erzeugt und sendet Nachrichten über das Internet zu einem empfangenden Prozess. Der empfangende Prozess nimmt die ihm übermittelte Nachricht entgegen und sendet eventuell seinerseits eine Antwort an den Sender zurück.

Kostenloser Online-Kurs zum Internetworking Blog

Parallel zu unserem Blog arbeiten wir an einer offenen Lernplattform openHPI. Um der Internetgemeinde nicht nur den interaktiven Diskurs in unserem Blog zu eröffnen, bietet der Online-Kurs eine in sich geschlossene, kompakte Einführung in die Grundlagen des Internets.

Drei von vier Bürgern nutzen das Internet. Aber wie funktioniert es technisch? Antworten darauf kann jeder bekommen, der ab dem 5. November, beim zweiten offenen Online-Kurs mitmacht, den das Hasso-Plattner-Institut über seine neue Internet-Bildungsplattform www.openhpi.de anbietet. Die Teilnahme ist kostenfrei, Zugangsvoraussetzungen gibt es nicht. Kurssprache ist Deutsch. Anmeldungen zum Kurs sind immer noch möglich.

Im Gegensatz zu unserem Blog beschäftigt sich der Online-Kurs mit ausgewählten Themen des Internetworkings. Ausgehend von den physikalischen Grundlagen der Datenübertragung werden zunächst die Funktionsprinzipien und Technologien der lokalen Netzwerke (LANs) und der Weitverkehrsnetzwerke (WANs) veranschaulicht. Allgemein verständlich wird in den weiteren Einheiten das dem Internet zugrunde liegende TCP/IP-Referenzmodell, sowie dessen Protokolle und zahlreichen Anwendungen vermittelt. Der Teilnehmer erfährt in dem Kurs einen umfassenden Einblick in die komplexe Welt der Internet-Technologien.

User Datagram Protocol – UDP

Das Transport Control Protocol (TCP) ist eines der beiden namensgebenden Protokolle des TCP/IP-Referenzmodells. Es stellt einen zuverlässigen, verbindungsorientierten Transportdienst zur Verfügung. Daneben existiert auf der Transportschicht noch ein zweites, wesentlich einfacheres Transportprotokoll, das User Datagram Protocol (UDP). Während für eine Datenübertragung via TCP zuerst eine Verbindung zum gewünschten Kommunikationspartner aufgebaut werden muss, die nach erfolgreicher Datenübertragung explizit auch wieder abzubauen ist, stellt UDP einen einfacheren, verbindungslosen, allerdings unzuverlässigen Transportdienst zur Verfügung, der gegenüber TCP effizienter arbeitet, einfacher implementiert werden kann und wesentlich weniger Mehraufwand mit sich bringt.

Aufgaben des UDP Protokolls
Das einfache UDP Protokoll umfasst folgende drei Basisaufgaben:

  • Higher-Layer Data Transfer
    Mittels eines Protokolls der Anwendungsschicht übergibt ein Anwendungsprogramm bzw. Dienst eine Nachricht an das UDP Protokoll zur Übertragung.
  • UDP Message Encapsulation
    Die zu sendende Nachricht wird im Nutzdatenteil des UDP-Datenpakets gekapselt. Im Header des UDP-Datenpakets werden Quell- und Zielport angegeben. Gegebenenfalls wird noch eine Prüfsumme für die zu übertragenden Daten berechnet.
  • Data Transfer to IP
    Das UDP-Datenpaket wird an das Internet Protokoll zur Übertragung übergeben. Auf der Empfängerseite laufen diese Operationen in umgekehrter Reihenfolge und Richtung ab.

Physikalische Schicht

Die Protokolle in den einzelnen Schichten des TCP/IP-Referenzmodells des Internets setzen alle auf einem physikalischen Übertragungsmedium auf. Daher ist in diesem Zusammenhang auch oft die Rede von der sogenannten physikalischen Schicht (Physical Layer), die selbst nicht Bestandteil des eigentlichen TCP/IP- Referenzmodells ist. Zusammen mit den vier Schichten des TCP/IP-Referenzmodells bildet sie das hybride TCP/IP-Referenzmodell. Allgemein werden in der physikalischen Schicht alle physikalischen und technischen Eigenschaften eines zur Datenübertragung genutzten, physikalisches Mediums definiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Wechselwirkung zwischen der Netzwerk-Hardware und dem physikalischen Übertragungsmedium.

Festgelegt werden müssen das Layout der Steckverbindungen, deren elektrische bzw. optische Parameter, die Spezifikation der physikalischen Beschaffenheit von Kabeln (elektrisch und optisch), als auch die Spezifikation von Verstärkerelementen, Netzwerkadaptern sowie die verwendeten Datenübertragungsverfahren. Die Grundlage jeder Kommunikation ist die Signalübertragung, d.h. der Transport von Signalen über ein geeignetes Übertragungsmedium, das diese Signale über eine räumliche Distanz weiterleitet. Der Sender nutzt zur Aktivierung eines Übertragungskanals im Übertragungsmedium und zum anschließenden Absetzen einer weiterzuleitenden Nachricht eine Signalquelle, der Empfänger am anderen Ende des Übertragungsmediums besitzt zur Aufnahme des übertragenen Signals eine entsprechende Signalsenke.

Signalübertragung

Die physikalische Schicht erhält von der darüberliegenden Schicht einen binären Datenstrom aus Nullen und Einsen, der in physikalische Signale übersetzt werden muss. Diese Umsetzung erfolgt mit Hilfe von unterschiedlichen Modulationsverfahren, mit denen über die Variation einzelner bzw. mehrerer Signalparameter Information in das übertragene Signal eingeprägt wird. Die Verfahren unterscheiden sich in der Wahl der variablen Signalparameter, der jeweils gewählten Stärke der Variation und deren Kombination miteinander, wodurch sich unterschiedliche Mengen an Information in gleicher Zeit übertragen lassen. Auf der Seite des Empfängers müssen diese Signale mit Hilfe eines Demodulationsverfahrens wieder aus dem physikalischen Übertragungsmedium zurück in einen Strom binärer Information zurückübersetzt werden.

Da sich im Internet viele Teilnehmer ein gemeinsam genutztes Kommunikationsmedium teilen, müssen Verfahren zur effizienten und gerechten Ressourcenzuteilung eingesetzt werden. Der logische Teil zur Lösung dieser Aufgaben obliegt den höher gelegenen Protokollschichten, während auf der physikalischen Schicht die Voraussetzung für die gemeinsame Nutzung des physikalischen Kommunikationsmediums geschaffen werden müssen. Dazu werden bestimmte Bereiche der zu variierenden Signalparameter, wie z.B. Zeit oder Frequenz, bzw. deren Kombination den einzelnen Teilnehmern zugeordnet, so dass diese sich während einer Übertragung nicht gegenseitig stören. Je nach gewähltem physikalischen Kommunikationsmedium und Datenübertragungsverfahren kommen unterschiedliche Verfahren des Multiplexings und Demultiplexings zum Einsatz.

Prolog

Teil 3 von 3

In der über der Internetschicht angesiedelten Transportschicht werden Protokollfunktionen zur Verfügung gestellt, mit denen es möglich wird, auf der Basis des einfachen verbindungslosen und unzuverlässigen IP einen verbindungsorientierten und zuverlässigen Transportdienst bereitzustellen. Diese Aufgabe übernimmt das TCP Protokoll, das eine gesicherte Ende-zu-Ende Kommunikation zwischen zwei Kommunikationspartnern bzw. -diensten im Internet ermöglicht, und das zusammen mit weiteren Protokollen der Transportschicht in Kapitel 8 vorgestellt wird.

Die zahlreichen unterschiedlichen Netzwerkdienste, die heute zu unserem täglichen Kommunikationsrepertoire gehören, und die auf dem TCP/IP-Referenzmodell basieren, folgen meist dem sogenannten Client/Server Kommunikationsschema: Ein Client fordert von einem Server eine Information bzw. einen Dienst an. Der Server stellt diese Information bzw. diesen Dienst bereit und liefert sie/ihn dem anfragenden Client aus, sofern dieser bezugsberechtigt ist. Entsprechend ihren Aufgaben werden Namens- und Verzeichnisdienste, Elektronische Post, Dateitransferdienste, Netzwerkmanagement und echtzeitfähige Transportdienste unterschieden, die alle diesem Schema folgen und deren Protokolle in der Anwendungsschicht des TCP/IP-Referenzmodells angesiedelt sind. Sie werden in Kapitel 9 detailliert behandelt.

Prolog

Teil 2 von 3

Aufbauend darauf folgt in Kapitel 4 die Vorstellung der untersten, ersten Schicht des TCP/IP-Referenzmodels, der sogenannten Netzzugangsschicht, in der lokale Netzwerke (LANs) und einfache Weitverkehrsnetzwerke unterschiedlicher Technologien angesiedelt sind. Zuerst wird auf die kabelgebundenen LAN-Technologien und den wichtigsten dort angesiedelten Technologiebeispielen, wie z.B. Ethernet, Token Ring, FDDI und ATM eingegangen.

Im nächsten Kapitel 5 wird auf kabellose LAN-Technologien eingegangen, deren Popularität ständig steigt und die in ihrer Leistungsfähigkeit den kabelgebundenen Konkurrenten kaum noch nachstehen. Allerdings setzt das Medium Funk gegenüber dem Kabel andere Anforderungen an die Netzwerkkommunikation voraus bzgl. Reichweite, Zuverlässigkeit und insbesondere auch Sicherheit. Es werden die Grundlagen der kabellosen und mobilen Netzwerktechnologien erläutert und die wichtigsten Technologievertreter vorgestellt, wie z.B. WLAN oder auch die auf den Nahbereich beschränkten Technologien Bluetooth und ZigBee.

Vergrößert sich sowohl die Anzahl der an ein Netzwerk angeschlossenen Geräte bzw. auch die Distanz zwischen den einzelnen Kommunikationspartnern, müssen alternative Technologien zur Anwendung kommen, die in Kapitel 6 behandelten Weitverkehrsnetzwerke (WANs). WANs können dazu eingesetzt werden, lokale Netzwerke an unterschiedlichen Standorten miteinander zu verbinden. Von großer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang spezielle Wegfindungsverfahren, die sogenannten Routing-Algorithmen. Weiter werden die wichtigsten WAN Technologien vorgestellt, beginnend mit dem historischen ARPANET bis hin zum breitbandigen Funknetzstandard WiMAX. Abgeschlossen wird das Kapitel mit der Darstellung der unterschiedlichen Zugangstechnologien, über die ein Endbenutzer auf ein Weitverkehrsnetzwerk zugreifen kann. Die Spanne reicht dabei vom (historischen) analogen Telefonnetz bis hin zu LTE, einer Mobilfunktechnologie der 4. Generation.

Um über die Grenzen der unterschiedlichen Netzwerktechnologien hinweg auf einheitliche Weise, also wie in einem Netz kommunizieren zu können, stellt das Internetprotokoll (IP) auf der Internetschicht des TCP/IP-Referenzmodells einen einfachen, aber übergreifenden Kommunikationsdienst zur Verfügung, der in der Version IPv4 seit nun 30 Jahren das Herzstück unseres heutigen Internets bildet. Daneben steht der Nachfolger IPv6 bereits seit einigen Jahren in den Startlöchern und setzt sich zunehmend auf breiter Basis durch, um neuen Raum für weiteres Wachstum des Internets zu bieten. Zusammen mit weiteren Kommunikationsprotokollen der Internetschicht werden IPv4 und IPv6 detailliert in Kapitel 7 behandelt.